• marcelfantoni

Mein Sechseläuten (3)


Heute fällt das Sechseläuten aus... das Virus ist stärker... HALT! Soeben kam der Zunftmeister in Begleitung seiner Tochter auf Besuch. Unglaublich.

Er brachte ein Päckli und wir stiessen mit seinem Rotwein an. Natürlich auf 2 Meter Distanz (der Meter vom Bau war aufgefaltet!).

Der ZM brachte: Wurst Brot Bier Wein Biber

Appenzeller und noch mehr... vorbei. Die Vorsteherschaft reist im ganzen Kanton Zürich herum und bringt Zunft-Päckli vorbei... so schön! Ich habe feuchte Augen!


Das Sechseläuten ist ein wunderbarer Tag, für einige Zünfter allerdings auch harte Arbeit:

1. Der Zunftmeister

Er führt die Zunft das ganze Jahr, d.h. insgesamt sind es für ihn: 50-80 Anlässe (Geburt, Geburtstage, Sterben, Beerdigungen, Einladungen, dazu die 18 offiziellen Zunftanlässe...). Der ZM wird jeweils für drei Jahre gewählt und er kann beliebig lang im Amt bleiben (Rekord in einer anderen Zunft: 18 Jahre). Bei mir leider aus beruflichen Gründen nur 4 Jahre (mein Entscheid reut mich noch heute!).

Heute: ca. 18 Stunden volle Präsenz... Tischrede... reden... begrüssen... Hände schütteln... winken... lachen... Am Dienstag, ca. 01.00 Uhr ist das SL in der Stube beendet. ZM-Kette abziehen und... ab auf die Gasse bis...

2. Der Stubenmeister

Er ist für das Mittag- und Nachtessen (Personal Hotel: ca. 50!) und das Einhalten des Zeitplanes verantwortlich. Auch die Tischordnung "gehört" ihm: ca. 200 Personen, dazu in einem anderen Saal das Spiel, auch ca. 50 Leute platzieren und bedienen...

3. Der Zeugwart Er ist der Materialchef. Dieses Amt führte ich 3 Jahre aus: Silber putzen, einrichten, zählen (der Zunfteigene Besteckwagen, mehrteilig, für 180 Personen) aufräumen der Zunftstube... Becher, Panner, Pokale, Zunftlaternen... sehr streng, aber es machte mir unglaublich viel Freude (auch dank meiner Familie). Am Sonntag richtet er die Stube ein, ca. 4 Stunden harte Arbeit. Am Dienstag ab 01.00 aufräumen.

4. Der Kinderchef Er ist Chef der Kindergruppe und somit bringt er ca. 80 Kinder (ab ca. 5 Jahren) vom Hotel zum Böögg und alle wieder heil zurück. Eine unglaubliche Verantwortung bei diesem Trubel. Max war jetzt für mehr als 40 Jahre (!!!) Chef!

5. Der Statthalter, der Pfleger (Kassier), der Reiterchef (ca. 25 Pferde reiten für uns), Der Schreiber, der Delegierte im ZZZ (er zieht das Los für die Startreihenfolge der Zunft, das ist die Grundlage für den Zeitplan), der Zugschef (führt unsere Gruppe auf dem Umzug (ca. 200 Menschen, Tiere, Kutschen, Musik) ...

6. Die drei Sprecher! Diese Aufgabe wird im Januar an drei Zünfter vergeben. Alles streng GEHEIM! Am Abend, d.h. ab 21.00 und nach dem Nachtessen, machen wir uns auf zum zweiten feierlichen Umzug. Die Beleuchtung in der Innenstadt wird abgestellt und wir marschieren in Formation (meistens) mit Musikkorps (Spiel) und Zunftlaternen.

Drei Zünfte besuchen wir auf diese Art. Die zu besuchenden Zünfte werden beim Nachtessen bekanntgegeben. Auf der fremden Zunftstube hocken die "Stubenhocker" (ca. 30 alte Zünfter und der ZM). In einem klaren Ablauf geht das Rededuell los...

Unser Sprecher beginnt... (auswendig vorgetragen oder mit Spick)… während ungefähr 10 Minuten greift er den ZM verbal an ("saulustig"... um die Gürtellinie herum und runter bis zu den Zehen) Vollgas!

Und dann muss er ruhig sein und der ZM "haut" ihn in den Boden...

Anstossen, lachen... weiter zur nächsten Zunft Ich hatte diese Ehre als Sprecher dreimal (mein Fazit als Sprecher: 1x brillant, 1x sehr gut, 1x "na ja").

Als ZM habe ich hingegen alle Sprecher besiegt! Meine Arbeitstechnik "Mindmap" hat mir hier, wie immer, unglaublich gut Dienste geschenkt! Einmal kam die amtierende Miss-Schweiz auf Besuch. Sie durfte auf meinem ZM-Stuhl Platz nehmen und ich stand dem Sprecher gegenüber... für mich war es ein Genuss... für ihn???

Alt Bundesrat Ogi würde dazu sagen: "Freude herrscht!"


Nach den drei Besuchen geht es zurück auf die Stube. Da gibt es Suppe, Würstchen und Brot... und dann wird vom Statthalter (Stv ZM) abgläutet: Das Sechseläuten ist offiziell beendet.


Dann gehen viele noch auf die Gasse... zu anderen Zunfthäusern (Favoriten: Turm, Schmide, Grünes Glas)… ab 04.00 gibt es Frühstück bei den Zimmerleuten...


Früh am Morgen, glücklich, zufrieden... geht es nach Hause.

In meinem Beruf in der Armee ging ich mehrmals nach Hause, duschen, umziehen... direkt zur Arbeit oder einmal sogar Abflug nach Belgien.

So nach dem Motto: Wer feiern kann, der kann auch arbeiten... oder umgekehrt!!!


Und heute fällt es aus, mein 36. Sechseläuten... ich bin, ehrlich, sehr traurig und muss mir immer wieder die Augen wischen (natürlich wegen den Pollen!!!)


ABER: das Virus plagt andere Menschen viel, viel, viel mehr.

Denen allen wünsche ich viel Kraft, Geduld, Ausdauer und ein Quentchen Glück.


Blibed alli gsund!


Fröhliche, herzliche und zöiftige Grüsse

Marcel - dein Zuhörer

Zitat: "Auch die grosse Weltuhr hat irgendwo einen Wecker." Christian Friedrich Hebbel (deutscher Dramatiker und Lyriker, 1813-1863)

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